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Der Anwalt: John Grisham
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John Grisham

Der Anwalt

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1 gebund. Buch
Bestellnummer: 1075845
Gebunden mit Schutzumschlag, 448 Seiten
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Über dieses Buch:

Spannung aus der amerikanischen Justizwelt: John Grisham knüpft an seine Top-Bestseller wie »Die Firma« an und gewährt tiefe Einblicke in ein System, das geprägt ist von Korruption und Macht. Dem jungen Kyle steht eine glänzende Karriere als Jurist bevor - bis ihm eine Episode aus Collegezeiten zum Verhängnis wird: Die falschen Leute erfahren davon und erpressen ihn. Kyle wird gezwungen, Partner bei Scully & Pershing zu werden, der mächtigsten Anwaltskanzlei der Welt. Noch bevor er in Erfahrung bringen kann, was seine Erpresser mit diesem Auftrag bezwecken, wird sein Leben zum absoluten Albtraum ...
EAN: 9783453266155

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Leseprobe:

Die Statuten der Jugendliga von New Haven sahen vor, dass jeder Basketballspieler bei jedem Spiel mindestens zehn Minuten zum Einsatz kommen sollte. Ausnahmen gab es nur, wenn Spieler ihren Coach verärgerten, indem sie das Training schwänzten oder andere Regeln missachteten. In solchen Fällen verfasste der Coach vor dem Spiel einen Bericht, um den Scorekeeper zu informieren, dass der Spieler soundso wegen einer Regelverletzung nicht lange spielen werde - wenn überhaupt.
Die Organisatoren der Jugendliga sahen so etwas nicht gern. Ihnen ging es mehr um die sportliche Betätigung an sich als um den Wettkampfaspekt. Vier Minuten vor dem Ende des Spiels ließ Coach Kyle Mc-Avoy den Blick über die Jungs auf der Bank schweifen. Dann nickte er einem mürrischen, schmollenden Jungen namens Marquis zu. "Willst du spielen?" Ohne zu antworten, ging Marquis zum Scorekeeper-Tisch und wartete darauf, dass das Spiel durch einen Pfiff unterbrochen wurde. Er hatte sich einiges zuschulden kommen lassen - Training schwänzen, Schule schwänzen, schlechte Noten, Verlust des Trikots, unflätige Ausdrücke. Eigentlich hatte er nach zehn Wochen und fünfzehn Spielen gegen jede Regel verstoßen, die der Trainer seinen Spielern auferlegte. Da Coach Kyle längst klar war, dass sein kleiner Star auch jede neue Vorschrift verletzen würde, hatte er der Versuchung widerstanden, weitere Regeln aufzustellen, und seine Liste sogar zusammengestrichen. Es funktionierte nicht. Der Versuch, die Jugendlichen aus den heruntergekommenen Innenstadtvierteln mit Samthandschuhen anzufassen, hatte dazu geführt, dass die Red Knights in der Winterspielzeit der Liga für bis zu Zwölfjährige auf dem letzten Tabellenplatz standen.v Marquis war erst elf, aber zweifellos der beste Spieler auf dem Platz. Er wollte lieber auf den Korb werfen und punkten, statt zu passen und zu verteidigen. Kaum war er zwei Minuten im Einsatz, da hatte er schon etliche, deutlich größere Abwehrspieler ausgetrickst und sechs Punkte erzielt. Sein Durchschnitt lag bei vierzehn, und hätte man ihn länger als die Hälfte der Matchdauer spielen lassen, wäre er vermutlich auf dreißig gekommen. Er selbst war der Ansicht, in seinem Fall sei Training überflüssig. Doch trotz dieser One-Man-Show hatten die Red Knights keine Chance. Kyle McAvoy saß schweigend auf der Bank, sah seinem Team zu und wartete darauf, dass es endlich überstanden war. Noch ein Spiel, dann war die Saison vorbei, seine letzte als Basketballcoach. In zwei Jahren hatte er ein Dutzend Spiele gewonnen und zwei Dutzend verloren, und er fragte sich, wie jemand, der bei klarem Verstand war, freiwillig den Job eines Trainers übernehmen konnte, egal in welcher Spielklasse.
Du tust es für die Jungs, hatte er sich tausendmal gesagt. Für Jungs, deren Väter verschwunden waren, die kein richtiges Zuhause hatten, ein positives männliches Leitbild brauchten.
Er glaubte immer noch daran, doch nach zwei Jahren hatte er die Nase voll. Er hatte den Babysitter gespielt, mit Eltern gestritten, falls mal welche aufgetaucht waren, sich mit Trainern angelegt, die gemauschelt hatten, und versucht, sich nicht über jugendliche Schiedsrichter zu ärgern, die einen Block nicht von einem Foul unterscheiden konnten. Jetzt war es genug mit dem sozialen Engagement. Zumindest in dieser Stadt.
Er verfolgte das Spiel und wartete auf das Ende. Gelegentlich brüllte er seine Spieler an, wie es von einem Trainer erwartet wurde. Hin und wieder blickte er sich in der fast leeren Sporthalle um, einem betagten Backsteinbau in der Innenstadt von New Haven, wo schon seit fünfzig Jahren Spiele der Jugendliga stattfanden. Auf den Tribünen saßen nur wenige Eltern, die alle darauf warteten, dass es endlich vorbei war. Marquis traf erneut, niemand applaudierte. Noch zwei Minuten, die Red Knights lagen zwölf Punkte zurück. Am hinteren Ende des Platzes, direkt unter der altertümlichen Anzeigetafel, trat ein Mann in die Halle und lehnte sich an eine verschiebbare Tribüne. Er fiel Kyle auf, weil er weiß war - in beiden Mannschaften gab es keine weißen Spieler. Auch seine Kleidung war ungewöhnlich. Schwarzer oder dunkelblauer Anzug. Weißes Hemd mit weinroter Krawatte. Und ein Trenchcoat, der an einen FBI-Beamten oder Detective denken ließ. Es war Zufall, dass Kyle ihn eintreten sah. Ihm ging der Gedanke durch den Kopf, dass der Mann hier deplatziert wirkte. Wahrscheinlich irgendein Cop, vielleicht von der Drogenfahndung, der einen Dealer suchte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass einer in oder vor der Sporthalle festgenommen wurde.
Der an der Tribüne lehnende Mann warf einen langen, misstrauischen Blick auf die Bank der Red Knights, dann fasste er ihren Coach ins Auge. Kyle starrte den Fremden für einen Moment an, und plötzlich wurde ihm unbehaglich zumute. Marquis wagte einen Wurf fast von der Mittellinie und traf nicht einmal den Ring. Kyle sprang auf und spreizte verzweifelt die Hände, als wollte er "Warum?" fragen. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, schlurfte Marquis in die Verteidigung zurück. Kurz darauf wurde die Uhr wegen eines dummen Fouls angehalten. Das Elend wollte kein Ende nehmen. Kyle beobachtete den Freiwurfschützen, dann glitten seine Augen erneut zu dem Mann in dem Trenchcoat, der jenseits des Werfers stand und sich nicht für das Spiel, sondern allein für ihn zu interessieren schien. Einem fünfundzwanzigjährigen Jurastudenten ohne Vorstrafen und illegale Angewohnheiten oder Neigungen hätte die Anwesenheit eines offensichtlich irgendeiner Strafverfolgungsbehörde angehörenden Mannes eigentlich herzlich egal sein können. Bei Kyle McAvoy verhielt es sich anders. Streifen oder Staatspolizisten beunruhigten ihn nicht besonders. Sie wurden dafür bezahlt, dass sie reagierten, wenn etwas passiert war. Doch Männer in dunklen Anzügen, FBI-Beamte und andere Ermittler, deren Job es war, tief zu schürfen und Geheimnisse zu entdecken, beunruhigten ihn.
Noch dreißig Sekunden. Marquis legte sich mit einem Schiedsrichter an. Vor zwei Wochen hatte er einem Unparteiischen einen obszönen Fluch an den Kopf geworfen und war für ein Spiel gesperrt worden. Coach Kyle schrie seinen Star an, doch der schien einmal mehr taub zu sein. Dann ließ Kyle den Blick durch die Halle schweifen, um zu sehen, ob der Agent/Cop einen Begleiter mitgebracht hatte. Er sah keinen.
Das nächste dumme Foul. Kyle rief dem Schiedsrichter zu, er solle es doch einfach durchgehen lassen. Er nahm wieder Platz und wischte sich den Schweiß ab. Es war Anfang Februar, und wie immer war es in der Halle auch heute ziemlich kühl. Warum also schwitzte er? Der Agent/Cop hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Ihm schien es Spaß zu machen, Kyle unverwandt anzustarren. Endlich ertönte das altmodische Horn, das Schlusssignal. Gott sei Dank, es war überstanden. Eine Mannschaft jubelte, der anderen war's egal. Die Spieler versammelten sich an der Mittellinie für die obligatorischen High fives und beglückwünschten sich zu dem guten Spiel. Ein sinnloses Ritual, ob für Zwölfjährige oder Spieler eines Collegeteams. Während Kyle dem gegnerischen Trainer gratulierte, warf er einen Blick zur Tribüne hinüber. Der Mann in dem Trenchcoat war verschwunden. Wie wahrscheinlich war es, dass er draußen wartete? Natürlich, das war paranoid, doch mittlerweile lebte Kyle schon so lange mit dieser Paranoia, dass er sie sich eingestanden hatte und damit klarzukommen versuchte.
Kurz darauf war er bei seinen Jungs im engen Umkleideraum der Gastmannschaft, der sich unter der altersschwachen Tribüne befand. Er sagte all die richtigen Dinge - ihr habt euch Mühe gegeben, guter Einsatz, manche Spielzüge haben besser geklappt, lasst uns am Samstag einen coolen Saisonabschluss hinlegen. Die Jungs zogen sich um und hörten kaum hin. Sie hatten genug vom Basketball, weil sie keine Lust mehr hatten, ständig zu verlieren, und die Schuld daran trug natürlich der Trainer. Er war zu jung, zu weiß und zu sehr der typische Student einer Eliteuni.
Die paar Eltern, die aufgekreuzt waren, warteten vor der Tür, und wenn Kyle an diesem sozialen Engagement etwas hasste, dann die angespannten Momente, die folgten, wenn er mit seinen Jungs aus der Kabine trat. Wie immer würden die üblichen Beschwerden darüber folgen, wer wann und wie lange zum Einsatz gekommen war. Marquis hatte einen zweiundzwanzigjährigen Onkel, der früher auf nationaler Ebene Basketball gespielt hatte. Er war ein Großmaul und nörgelte ständig herum, dass Coach Kyle den "besten Spieler dieser Liga" ungerecht behandele.
Vom Umkleideraum führte eine zweite Tür in einen dunklen, engen Gang, der unter der Tribüne der Fans der Heimmannschaft verlief. Am anderen Ende befand sich ein Ausgang, durch den man in eine Seitengasse trat. Kyle war nicht der erste Coach, der diesen Fluchtweg entdeckt hatte, und an diesem Abend wollte er nicht nur den lamentierenden Eltern seiner Schützlinge, sondern auch dem Mann im Trenchcoat ausweichen. Er verabschiedete sich von seinen Jungs, und als die den Umkleideraum verließen, verschwand er durch die andere Tür. Kurz darauf stand er in der Seitengasse. Es hatte stark geschneit, und er eilte den vereisten, kaum passierbaren Gehsteig hinab. Die Temperatur lag irgendwo unter null. Es war halb neun an diesem Mittwochabend, und sein Ziel war die Redaktion der Zeitschrift der Yale Law School, wo er mindestens bis Mitternacht arbeiten wollte. Er schaffte es nicht.
Der Agent/Cop lehnte am Kühler eines am Straßenrand geparkten roten Jeep Cherokee. Zugelassen war das Fahrzeug auf einen John McAvoy, wohnhaft in York, Pennsylvania, doch während der letzten sechs Jahre war es der treue Begleiter von dessen Sohn Kyle gewesen, dem eigentlichen Besitzer. Obwohl seine Füße bleischwer schienen und seine Knie nachzugeben drohten, schaffte es Kyle irgendwie, weiterzugehen, als wäre alles in Ordnung. Er versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren. Sie haben nicht nur mich gefunden, dachte er, sondern auch meinen Jeep. Dafür musste man bestimmt nicht übermäßig gründlich recherchieren, aber sie hatten ihre Hausaufgaben gemacht. Ich habe nichts Unrechtes getan, sagte er sich wieder und wieder. "Nervenaufreibendes Spiel, Coach", sagte der Mann, als Kyle noch etwa drei Meter entfernt war und den Schritt verlangsamte. Er blieb stehen und betrachtete den dicken jungen Mann, der ihn in der Sporthalle beobachtet hatte. Er hatte rote Wangen, rotes Haar und eine Ponyfrisur. "Kann ich Ihnen helfen?", fragte er. In diesem Moment sah er Nr. 2 über die Straße kommen. Sie arbeiteten immer zu zweit. "Das hoffe ich", erwiderte Nr. 1, während er eine Brieftasche hervorzog und sie aufklappte. "Bob Plant, FBI."
"Ist mir ein Vergnügen", sagte Kyle, der unwillkürlich zusammenzuckte. Plötzlich war ihm sehr mulmig zumute. Nr. 2 trat zu ihnen. Er war zehn Jahre älter als sein Kollege, deutlich schlanker und an den Schläfen ergraut. Lässig zog er eine Dienstmarke aus der Tasche und wiederholte das einstudierte Ritual, das Plant gerade vorgeführt hatte. "Nelson Ginyard, FBI." Bob und Nelson. Beide irischer Abstammung. Beide aus der Gegend, aus dem Nordosten. "Kommt noch jemand?", fragte Kyle. "Nein. Haben Sie eine Minute für uns?" "Eigentlich nicht." "Vielleicht sollten Sie sich die Zeit nehmen", sagte Ginyard. "Wir könnten sie produktiv nutzen." "Das bezweifle ich." "Wenn Sie wegfahren, folgen wir Ihnen." Plant stieß sich von dem Kühler ab und trat einen Schritt vor. "Sie wollen doch nicht, dass wir Ihnen in der Uni einen Besuch abstatten, oder?" "Drohen Sie mir?", fragte Kyle. Wieder brach ihm der Schweiß aus, diesmal unter den Armen, und trotz der schneidenden Kälte spürte er zwei Tropfen an seinen Rippen herabrinnen.
"Noch nicht", antwortete Plant grinsend. "Trinken wir einen Kaffee, dauert nur zehn Minuten", sagte Ginyard. "Um die Ecke ist ein Deli, wo man Sandwiches bekommt. Da ist es bestimmt wärmer." "Brauche ich einen Anwalt?" "Nein." "Das sagen Leute wie Sie immer. Mein Vater ist Anwalt, ich bin in seiner Kanzlei aufgewachsen. Ich kenne Ihre Tricks."
"Keine Tricks, Mr McAvoy, versprochen", entgegnete Ginyard. Es klang aufrichtig. "Wie gesagt, nur zehn Minuten. Sie werden es nicht bereuen." "Worum geht's?" "Nur zehn Minuten. Um mehr bitten wir Sie nicht."

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Imke Walsh-Araya, Bea Reiter, Bernhard Liesen und Kristiana Dorn-Ruhl

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Biographie:

John Grisham: »Man muss so schreiben, dass die Leute nicht anders können, als die Seiten umzublättern. Die Geschichte muss intelligent sein und du musst Charaktere erfinden, die bei den Lesern Anteilnahme erregen. Alles andere finde ich uninteressant.« Und der Experte für Justizthriller weiß, worüber er schreibt. Er führte zehn Jahre lang eine eigene Kanzlei mit dem Schwerpunkt Strafverteidigung. Dann machte ihn Mitte der achtziger Jahre sein erster Roman, »Die Firma«, zu einem Star. Auch Hollywood griff mit großem Erfolg auf seine Bücher zurück: »Die Firma«, »Die Akte«, »Die Jury« und »Das Urteil« wurden Welterfolge. Nicht umsonst ist der 50-jährige Ex-Anwalt mittlerweile einer der meistgelesenen Autoren weltweit. Dennoch, was das Schreiben betrifft, lässt er es ruhig angehen: nur drei Stunden am Tag widmet er sich seinen Helden.

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