Die Statuten der Jugendliga von New Haven sahen vor, dass jeder Basketballspieler bei jedem
Spiel mindestens zehn Minuten zum Einsatz kommen sollte. Ausnahmen gab es nur, wenn
Spieler ihren Coach verärgerten, indem sie das Training schwänzten oder andere Regeln
missachteten. In solchen Fällen verfasste der Coach vor dem Spiel einen Bericht, um den
Scorekeeper zu informieren, dass der Spieler soundso wegen einer Regelverletzung nicht
lange spielen werde - wenn überhaupt.
Die Organisatoren der Jugendliga sahen so etwas nicht gern. Ihnen ging es mehr um die
sportliche Betätigung an sich als um den Wettkampfaspekt.
Vier Minuten vor dem Ende des Spiels ließ Coach Kyle Mc-Avoy den Blick über die Jungs
auf der Bank schweifen. Dann nickte er einem mürrischen, schmollenden Jungen namens
Marquis zu. "Willst du spielen?" Ohne zu antworten, ging Marquis zum Scorekeeper-Tisch
und wartete darauf, dass das Spiel durch einen Pfiff unterbrochen wurde. Er hatte sich einiges
zuschulden kommen lassen - Training schwänzen, Schule schwänzen, schlechte Noten,
Verlust des Trikots, unflätige Ausdrücke. Eigentlich hatte er nach zehn Wochen und fünfzehn
Spielen gegen jede Regel verstoßen, die der Trainer seinen Spielern auferlegte. Da Coach
Kyle längst klar war, dass sein kleiner Star auch jede neue Vorschrift verletzen würde, hatte er
der Versuchung widerstanden, weitere Regeln aufzustellen, und seine Liste sogar
zusammengestrichen. Es funktionierte nicht. Der Versuch, die Jugendlichen aus den
heruntergekommenen Innenstadtvierteln mit Samthandschuhen anzufassen, hatte dazu
geführt, dass die Red Knights in der Winterspielzeit der Liga für bis zu Zwölfjährige auf dem
letzten Tabellenplatz standen.v
Marquis war erst elf, aber zweifellos der beste Spieler auf dem Platz. Er wollte lieber auf den
Korb werfen und punkten, statt zu passen und zu verteidigen. Kaum war er zwei Minuten im
Einsatz, da hatte er schon etliche, deutlich größere Abwehrspieler ausgetrickst und sechs
Punkte erzielt. Sein Durchschnitt lag bei vierzehn, und hätte man ihn länger als die Hälfte der
Matchdauer spielen lassen, wäre er vermutlich auf dreißig gekommen. Er selbst war der
Ansicht, in seinem Fall sei Training überflüssig.
Doch trotz dieser One-Man-Show hatten die Red Knights keine Chance. Kyle McAvoy saß
schweigend auf der Bank, sah seinem Team zu und wartete darauf, dass es endlich
überstanden war. Noch ein Spiel, dann war die Saison vorbei, seine letzte als Basketballcoach.
In zwei Jahren hatte er ein Dutzend Spiele gewonnen und zwei Dutzend verloren, und er
fragte sich, wie jemand, der bei klarem Verstand war, freiwillig den Job eines Trainers
übernehmen konnte, egal in welcher Spielklasse.
Du tust es für die Jungs, hatte er sich tausendmal gesagt. Für Jungs, deren Väter
verschwunden waren, die kein richtiges Zuhause hatten, ein positives männliches Leitbild
brauchten.
Er glaubte immer noch daran, doch nach zwei Jahren hatte er die Nase voll. Er hatte den
Babysitter gespielt, mit Eltern gestritten, falls mal welche aufgetaucht waren, sich mit
Trainern angelegt, die gemauschelt hatten, und versucht, sich nicht über jugendliche
Schiedsrichter zu ärgern, die einen Block nicht von einem Foul unterscheiden konnten. Jetzt
war es genug mit dem sozialen Engagement. Zumindest in dieser Stadt.
Er verfolgte das Spiel und wartete auf das Ende. Gelegentlich brüllte er seine Spieler an, wie
es von einem Trainer erwartet wurde. Hin und wieder blickte er sich in der fast leeren
Sporthalle um, einem betagten Backsteinbau in der Innenstadt von New Haven, wo schon seit
fünfzig Jahren Spiele der Jugendliga stattfanden. Auf den Tribünen saßen nur wenige Eltern,
die alle darauf warteten, dass es endlich vorbei war. Marquis traf erneut, niemand
applaudierte. Noch zwei Minuten, die Red Knights lagen zwölf Punkte zurück.
Am hinteren Ende des Platzes, direkt unter der altertümlichen Anzeigetafel, trat ein Mann in
die Halle und lehnte sich an eine verschiebbare Tribüne. Er fiel Kyle auf, weil er weiß war -
in beiden Mannschaften gab es keine weißen Spieler. Auch seine Kleidung war
ungewöhnlich. Schwarzer oder dunkelblauer Anzug. Weißes Hemd mit weinroter Krawatte.
Und ein Trenchcoat, der an einen FBI-Beamten oder Detective denken ließ.
Es war Zufall, dass Kyle ihn eintreten sah. Ihm ging der Gedanke durch den Kopf, dass der
Mann hier deplatziert wirkte. Wahrscheinlich irgendein Cop, vielleicht von der
Drogenfahndung, der einen Dealer suchte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass einer in
oder vor der Sporthalle festgenommen
wurde.
Der an der Tribüne lehnende Mann warf einen langen, misstrauischen Blick auf die Bank der
Red Knights, dann fasste er ihren Coach ins Auge. Kyle starrte den Fremden für einen
Moment an, und plötzlich wurde ihm unbehaglich zumute. Marquis wagte einen Wurf fast
von der Mittellinie und traf nicht einmal den Ring. Kyle sprang auf und spreizte verzweifelt
die Hände, als wollte er "Warum?" fragen. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, schlurfte
Marquis in die Verteidigung zurück. Kurz darauf wurde die Uhr wegen eines dummen Fouls
angehalten. Das Elend wollte kein Ende nehmen. Kyle beobachtete den Freiwurfschützen,
dann glitten seine Augen erneut zu dem Mann in dem Trenchcoat, der jenseits des Werfers
stand und sich nicht für das Spiel, sondern allein für ihn zu interessieren schien.
Einem fünfundzwanzigjährigen Jurastudenten ohne Vorstrafen und illegale Angewohnheiten
oder Neigungen hätte die Anwesenheit eines offensichtlich irgendeiner
Strafverfolgungsbehörde angehörenden Mannes eigentlich herzlich egal sein können. Bei
Kyle McAvoy verhielt es sich anders. Streifen oder Staatspolizisten beunruhigten ihn nicht
besonders. Sie wurden dafür bezahlt, dass sie reagierten, wenn etwas passiert war. Doch
Männer in dunklen Anzügen, FBI-Beamte und andere Ermittler, deren Job es war, tief zu
schürfen und Geheimnisse zu entdecken, beunruhigten ihn.
Noch dreißig Sekunden. Marquis legte sich mit einem Schiedsrichter an. Vor zwei Wochen
hatte er einem Unparteiischen einen obszönen Fluch an den Kopf geworfen und war für ein
Spiel gesperrt worden. Coach Kyle schrie seinen Star an, doch der schien einmal mehr taub zu
sein. Dann ließ Kyle den Blick durch die Halle schweifen, um zu sehen, ob der Agent/Cop
einen Begleiter mitgebracht hatte. Er sah keinen.
Das nächste dumme Foul. Kyle rief dem Schiedsrichter zu, er solle es doch einfach
durchgehen lassen. Er nahm wieder Platz und wischte sich den Schweiß ab. Es war Anfang
Februar, und wie immer war es in der Halle auch heute ziemlich kühl. Warum also schwitzte
er?
Der Agent/Cop hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Ihm schien es Spaß zu machen, Kyle
unverwandt anzustarren. Endlich ertönte das altmodische Horn, das Schlusssignal. Gott sei
Dank, es war überstanden. Eine Mannschaft jubelte, der anderen war's egal. Die Spieler
versammelten sich an der Mittellinie für die obligatorischen High fives und
beglückwünschten sich zu dem guten Spiel. Ein sinnloses Ritual, ob für Zwölfjährige oder
Spieler eines Collegeteams. Während Kyle dem gegnerischen Trainer gratulierte, warf er
einen Blick zur Tribüne hinüber. Der Mann in dem Trenchcoat war verschwunden. Wie
wahrscheinlich war es, dass er draußen wartete? Natürlich, das war paranoid, doch
mittlerweile lebte Kyle schon so lange mit dieser Paranoia, dass er sie sich eingestanden hatte
und damit klarzukommen versuchte.
Kurz darauf war er bei seinen Jungs im engen Umkleideraum der Gastmannschaft, der sich
unter der altersschwachen Tribüne befand. Er sagte all die richtigen Dinge - ihr habt euch
Mühe gegeben, guter Einsatz, manche Spielzüge haben besser geklappt, lasst uns am Samstag
einen coolen Saisonabschluss hinlegen. Die Jungs zogen sich um und hörten kaum hin. Sie
hatten genug vom Basketball, weil sie keine Lust mehr hatten, ständig zu verlieren, und die
Schuld daran trug natürlich der Trainer. Er war zu jung, zu weiß und zu sehr der typische
Student einer Eliteuni.
Die paar Eltern, die aufgekreuzt waren, warteten vor der Tür, und wenn Kyle an diesem
sozialen Engagement etwas hasste, dann die angespannten Momente, die folgten, wenn er mit
seinen Jungs aus der Kabine trat. Wie immer würden die üblichen Beschwerden darüber
folgen, wer wann und wie lange zum Einsatz gekommen war. Marquis hatte einen
zweiundzwanzigjährigen Onkel, der früher auf nationaler Ebene Basketball gespielt hatte. Er
war ein Großmaul und nörgelte ständig herum, dass Coach Kyle den "besten Spieler dieser
Liga" ungerecht behandele.
Vom Umkleideraum führte eine zweite Tür in einen dunklen, engen Gang, der unter der
Tribüne der Fans der Heimmannschaft verlief. Am anderen Ende befand sich ein Ausgang,
durch den man in eine Seitengasse trat. Kyle war nicht der erste Coach, der diesen Fluchtweg
entdeckt hatte, und an diesem Abend wollte er nicht nur den lamentierenden Eltern seiner
Schützlinge, sondern auch dem Mann im Trenchcoat ausweichen. Er verabschiedete sich von
seinen Jungs, und als die den Umkleideraum verließen, verschwand er durch die andere Tür.
Kurz darauf stand er in der Seitengasse. Es hatte stark geschneit, und er eilte den vereisten,
kaum passierbaren Gehsteig hinab. Die Temperatur lag irgendwo unter null. Es war halb neun
an diesem Mittwochabend, und sein Ziel war die Redaktion der Zeitschrift der Yale Law
School, wo er mindestens bis Mitternacht arbeiten wollte.
Er schaffte es nicht.
Der Agent/Cop lehnte am Kühler eines am Straßenrand geparkten roten Jeep Cherokee.
Zugelassen war das Fahrzeug auf einen John McAvoy, wohnhaft in York, Pennsylvania, doch
während der letzten sechs Jahre war es der treue Begleiter von dessen Sohn Kyle gewesen,
dem eigentlichen Besitzer. Obwohl seine Füße bleischwer schienen und seine Knie
nachzugeben drohten, schaffte es Kyle irgendwie, weiterzugehen, als wäre alles in Ordnung.
Er versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren. Sie haben nicht nur mich gefunden, dachte er,
sondern auch meinen Jeep. Dafür musste man bestimmt nicht übermäßig gründlich
recherchieren, aber sie hatten ihre Hausaufgaben gemacht. Ich habe nichts Unrechtes getan,
sagte er sich wieder und wieder.
"Nervenaufreibendes Spiel, Coach", sagte der Mann, als Kyle noch etwa drei Meter entfernt
war und den Schritt verlangsamte. Er blieb stehen und betrachtete den dicken jungen Mann,
der ihn in der Sporthalle beobachtet hatte. Er hatte rote Wangen, rotes Haar und eine
Ponyfrisur. "Kann ich Ihnen helfen?", fragte er. In diesem Moment sah er Nr. 2 über die
Straße kommen. Sie arbeiteten immer zu zweit.
"Das hoffe ich", erwiderte Nr. 1, während er eine Brieftasche hervorzog und sie aufklappte.
"Bob Plant, FBI."
"Ist mir ein Vergnügen", sagte Kyle, der unwillkürlich zusammenzuckte.
Plötzlich war ihm sehr mulmig zumute.
Nr. 2 trat zu ihnen. Er war zehn Jahre älter als sein Kollege, deutlich schlanker und an den
Schläfen ergraut. Lässig zog er eine Dienstmarke aus der Tasche und wiederholte das
einstudierte Ritual, das Plant gerade vorgeführt hatte. "Nelson Ginyard, FBI."
Bob und Nelson. Beide irischer Abstammung. Beide aus der Gegend, aus dem Nordosten.
"Kommt noch jemand?", fragte Kyle.
"Nein. Haben Sie eine Minute für uns?"
"Eigentlich nicht."
"Vielleicht sollten Sie sich die Zeit nehmen", sagte Ginyard.
"Wir könnten sie produktiv nutzen."
"Das bezweifle ich."
"Wenn Sie wegfahren, folgen wir Ihnen." Plant stieß sich von dem Kühler ab und trat einen
Schritt vor. "Sie wollen doch nicht, dass wir Ihnen in der Uni einen Besuch abstatten, oder?"
"Drohen Sie mir?", fragte Kyle. Wieder brach ihm der Schweiß aus, diesmal unter den
Armen, und trotz der schneidenden Kälte spürte er zwei Tropfen an seinen Rippen
herabrinnen.
"Noch nicht", antwortete Plant grinsend.
"Trinken wir einen Kaffee, dauert nur zehn Minuten", sagte Ginyard. "Um die Ecke ist ein
Deli, wo man Sandwiches bekommt. Da ist es bestimmt wärmer."
"Brauche ich einen Anwalt?"
"Nein."
"Das sagen Leute wie Sie immer. Mein Vater ist Anwalt, ich bin in seiner Kanzlei
aufgewachsen. Ich kenne Ihre Tricks."
"Keine Tricks, Mr McAvoy, versprochen", entgegnete Ginyard.
Es klang aufrichtig. "Wie gesagt, nur zehn Minuten. Sie werden es nicht bereuen."
"Worum geht's?"
"Nur zehn Minuten. Um mehr bitten wir Sie nicht."
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Imke Walsh-Araya, Bea Reiter, Bernhard Liesen und
Kristiana Dorn-Ruhl