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Das Herz der Tänzerin: Victoria Hislop
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Victoria Hislop

Das Herz der Tänzerin

wird kurzfristig nachgeliefert
1 gebund. Buch
Bestellnummer: 1072917
Gebunden mit Schutzumschlag, 512 Seiten
Buchhandelspreis CHF 34.90
Club-Preis CHF 29.95

Über dieses Buch:

Ein großer Schicksalsroman, der voller Intensität und Poesie von der wahren Liebe erzählt. - Andalusien, 30er Jahre. Mercedes ist an der Seite des Gitarristen Javier zur erfolgreichsten Flamencotänzerin des Landes geworden. Doch mit der Machtübernahme Francos ändert sich alles: Ihre Familie droht zu zerbrechen, Mercedes und Javier verlieren sich im Bürgerkrieg. - Granada, 2001. Die 32-jährige Sonia erfährt bei einem Spanienaufenthalt von der berührenden Liebe. Fasziniert nimmt sie die Spuren der Vergangenheit auf, ohne zu wissen, wie sehr Mercedes? Schicksal mit ihrem eigenen verwoben ist ...
EAN: 9783453290693

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Leseprobe:

Granada, 1937
Das leise Klicken einer zufallenden Tür drang durch die Stille der dunklen Wohnung. Außer dem Vergehen, zu spät zu kommen, hatte das Mädchen auch noch die Sünde begangen, seine Heimkehr verheimlichen zu wollen. »Mercedes! Wo um Himmels willen bist du gewesen?«, herrschte sie eine Stimme im Flüsterton an. Ein junger Mann trat aus dem Schatten in die Diele, und das Mädchen, kaum älter als sechzehn, stand mit gesenktem Kopf, die Hände hinter dem Rücken, vor ihm. »Warum kommst du so spät? Warum tust du uns das an?« Er zögerte, hin- und hergerissen zwischen vollkommener Verzweiflung und bedingungsloser Liebe für das Mädchen. »Und was versteckst du da? Als könnte ich mir das nicht denken.« Sie streckte die Hände aus. Zum Vorschein kam ein Paar abgenutzter schwarzer Schuhe, deren Leder so weich wie Menschenhaut und deren Sohlen so dünn wie Papier waren. Er fasste das Mädchen behutsam an den Handgelenken und hielt es fest. »Bitte, ich bitte dich zum allerletzten Mal«, beschwor er sie. »Es tut mir leid, Antonio«, erwiderte sie ruhig und sah ihn an. »Ich kann es nicht lassen. Ich kann einfach nicht.« »Es ist zu gefährlich, mi querida, es ist zu gefährlich.«

Teil 1
Granada, 2001
Die beiden Frauen, die als letzte Zuschauer eingelassen wurden, nahmen ihre Plätze ein, und der missmutige gitano schob entschlossen die Riegel vor die Tür. Fünf Mädchen mit pechschwarzen Haaren, üppige Rockschleppen hinter sich herziehend, betraten die Bühne. Sie trugen eng anliegende Kleider in flammendem Rot und Orange, stechendem Grün und Ockergelb. Die leuchtenden Farben, der Cocktail aus schweren Düften, ihr plötzliches Erscheinen und hochmütig aufreizender Gang hatten etwas Überwältigendes. Hinter ihnen folgten drei Männer, von oben bis unten in düsterem Schwarz wie zu einer Beerdigung.
Dann änderte sich die Stimmung. Ein leises Klatschen durchbrach die Stille, ein Mann strich mit den Fingern über die Saiten seiner Gitarre. Ein anderer brach in einen tiefen Klagelaut aus, der schließlich in Gesang überging. Die raue Stimme passte zu dem schäbigen Ort und dem zerklüfteten pockennarbigen Gesicht. Nur der Sänger und seine Truppe verstanden das obskure Patois, aber die Zuschauer spürten die Bedeutung des Liedtextes. Es ging um verlorene Liebe.
Fünf Minuten vergingen auf diese Weise, während die etwa fünfzig Zuschauer in einer von Granadas cuevas im Dunkeln auf harten Bänken saßen und den Atem anhielten. Das Lied hatte keinen eindeutigen Schluss-verklang einfach- und die Mädchen nahmen dies als Stichwort, mit überaus sinnlichem Gang, den Blick starr auf die Tür vor ihnen gerichtet und ohne die Anwesenheit der fremden Zuschauer auch nur wahrzunehmen, wieder abzutreten. Ein Hauch von Bedrohung lag in dem dunklen Raum. »War es das?«, fragte eine der Zuspätgekommenen flüsternd. »Ich hoffe nicht«, antwortete ihre Freundin. Ein paar Minuten lang herrschte fieberhafte Spannung, bis ein wunderbarer, anhaltender Ton erklang. Keine Musik, sondern eher ein leises Rasseln: der Klang von Kastagnetten. Eine der jungen Frauen kehrte zurück. Mit den Füßen den Takt stampfend, ging sie den schmalen Raum entlang, und die Volants ihres Kostüms fegten über die staubigen Schuhe der Touristen in der ersten Reihe. Ihr Kleid in leuchtendem Orange mit großen schwarzen Tupfen lag so eng um Taille und Busen an, dass die Nähte spannten. Sie trat auf die Holzplatte, die als Bühne diente, und trommelte mit den Absätzen einen eindringlichen Rhythmus- eins-zwei-einszwei- eins-zwei-drei-eins-zwei-drei...
Dann hob sie die Hände, und der hohle, schnarrende Ton der Kastagnetten setzte ein, während sie begann, sich langsam zu drehen. Und während sie sich drehte, trommelten ihre Finger auf die kleinen schwarzen Scheiben in ihren Händen. Die Zuschauer waren wie gebannt. Begleitet wurde sie vom klagenden Lied eines Sängers, der den Blick zu Boden gesenkt hielt. Wie in Trance drehte sich die Tänzerin weiter. Falls sie sich innerlich auf die Musik einließ, gab sie es nicht preis, und falls sie das Publikum wahrnahm, merkte es nichts davon. Ihr Gesicht drückte höchste Konzentration aus, und ihre Augen blickten in eine Welt, die nur sie sehen konnte. Der Stoff unter ihren Armen verfärbte sich dunkel, und an ihren Brauen sammelten sich Schweißperlen, während sie immer schneller und schneller rotierte.
Der Tanz endete, wie er begonnen hatte, mit einem entschiedenen Aufstampfen als Schlusspunkt. Ihre Hände waren nach oben gestreckt, der Blick auf das niedrige Deckengewölbe gerichtet. Den Applaus schien sie gar nicht wahrzunehmen, für sie hätte das Publikum genauso gut nicht anwesend sein können. Es war merklich warm geworden im Raum, und die Zuschauer in den vorderen Reihen atmeten die betörende Mischung aus moschusartigem Duft und Schweiß ein, den die Tänzerin verströmte.
Noch während sie die Bühne verließ, trat eine andere junge Frau auf. Diese zweite Tänzerin hatte etwas Ungeduldiges an sich, als wolle sie die Sache schnell hinter sich bringen. Wieder verschwammen schwarze Tupfen vor den Augen der Zuschauer, diesmal auf glänzendem Rot, und Kaskaden schwarzer Locken fielen der Frau übers Gesicht, die außer den dick mit Kajalstift umrandeten Augen alles verdeckten. Diesmal gab es keine Kastagnetten, sondern nur endlos sich wiederholendes Klappern der Absätze: Klack-a tacka tacka, klack-a tacka tacka...
Die Bewegung ihrer Füße, von der Ferse auf die Zehen und wieder zurück, geschah in rasender Geschwindigkeit. Ihre festen schwarzen Schuhe mit den hohen Absätzen und eisenbesohlten Spitzen schienen auf der Bühne zu vibrieren. Der Sänger verstummte eine Weile und sah zu Boden, als könnte ihn ein Blick aus den Augen der dunklen Schönheit zu Stein erstarren lassen. Es ließ sich nicht sagen, ob der Gitarrist ihrem Stampfen folgte oder ob er ihr den Rhythmus vorgab. Die Verständigung zwischen den beiden verlief für andere unsichtbar. Provokant hob sie die schwere Schleppe ihres Kleids und entblößte wohlgeformte Beine in schwarzen Strümpfen, was die rasante Geschwindigkeit ihrer Fußarbeit noch betonte. Der Tanz steigerte sich zu einem Crescendo, als sich die Frau wie ein Derwisch um sich selbst drehte. Eine Rose, die in ihrem Haar steckte, flog ins Publikum. Sie beugte sich nicht hinunter, um die Blume aufzuheben, sondern ging schon von der Bühne ab, bevor sie zu Boden fiel. Es war eine höchst introvertierte Darbietung und zugleich die freimütigste Demonstration von Selbstvertrauen, die die beiden Zuschauerinnen je gesehen hatten.
Die erste Tänzerin und der Gitarrist folgten ihr mit ausdruckslosen Gesichtern nach draußen, immer noch unbeeindruckt von dem stürmischen Applaus. Bevor die Vorstellung endete, trat noch ein weiteres halbes Dutzend Tänzer auf, von denen jeder die gleichen verstörenden Gefühle von Leidenschaft, Zorn und Trauer vermittelte. Es gab einen Mann, dessen Bewegungen so provozierend waren wie die einer Prostituierten, ein Mädchen, dessen Darstellung von Schmerz nicht zu seinem Alter zu passen schien, und eine ältere Frau, in deren tief zerfurchtem Gesicht sich viele Jahrzehnte des Leids eingegraben hatten. Nachdem alle Tänzer von der Bühne abgetreten waren, gingen die Lichter wieder an. Die Zuschauer verließen den Raum und erhaschten einen Blick in ein kleines Hinterzimmer, wo die Künstler stritten, rauchten und aus üppig eingeschenkten Gläsern billigen Whisky tranken. Sie hatten fünfundvierzig Minuten bis zur nächsten Vorstellung.
Es war stickig gewesen in dem niedrigen Raum, der nach Alkohol, Schweiß und abgestandenem Zigarrenrauch stank. Erleichtert traten die Leute in die kühle Nachtluft hinaus. Sie war von einer köstlichen Reinheit, die einen daran erinnerte, dass die Berge nicht weit waren. »Das war außergewöhnlich«, sagte Sonia zu ihrer Freundin. Sie wusste nicht recht, wie sie es anders hätte ausdrücken sollen. »Ja«, stimmte Maggie zu. »Und so dramatisch.« »Genau«, pflichtete ihr Sonia bei. »Wirklich dramatisch. Überhaupt nicht, wie ich es mir vorgestellt habe.« »Und diese Mädchen sahen auch nicht besonders glücklich aus, oder?«
Sonia machte sich nicht die Mühe, Maggies Frage zu be- antworten. Flamenco hatte nichts mit Glück zu tun. So viel hatte sie in den vergangenen zwei Stunden gelernt. Sie gingen durch die kopfsteingepflasterten Straßen ins Zentrum von Granada zurück und verirrten sich in dem alten maurischen Viertel, dem Albaicín. Es war zwecklos, im Stadtplan nachzusehen, denn die winzigen Gassen hatten oft keine Namen und endeten zuweilen in schmalen Treppen. Doch als die Frauen um eine Ecke bogen und ihr Blick auf die in Flutlicht getauchte Alhambra fiel, fanden sie ihre Orientierung wieder. Der warme goldene Schein um das Gebäude vermittelte ihnen fast den Eindruck, als sei gerade Sonnenuntergang und nicht schon später Abend. Die vielen mit Zinnen versehenen Türme, die sich gegen den klaren Nachthimmel abzeichneten, erinnerten an Tausendundeine Nacht.
Arm in Arm gingen sie schweigend den Hügel hinab. Die hochgewachsene Maggie verkürzte ihre Schritte, um sich Sonia anzupassen-eine Angewohnheit, die schon fast ein ganzes Leben lang zwischen den beiden äußerlich so verschiedenen Freundinnen bestand. Sie mussten nicht reden. Der Klang ihrer Schritte auf dem Pflaster erinnerte an den Rhythmus des Klatschens und der Kastagnetten der Flamencotänzerinnen, und das war ihnen im Moment angenehmer als eine Unterhaltung.

Aus dem Englischen übersetzt von Angelika Felenda

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Biographie:

Victoria Hislop lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Kent und schreibt unter anderem Reiseberichte für verschiedene Zeitungen und Frauenzeitschriften. Überdies unterstützt sie die Hilfsorganisation LEPRA. »Insel der Vergessenen« ist ihr erster Roman.