Ein großer Schicksalsroman, der voller Intensität und Poesie von der wahren Liebe erzählt. - Andalusien, 30er Jahre. Mercedes ist an der Seite des Gitarristen Javier zur erfolgreichsten Flamencotänzerin des Landes geworden. Doch mit der Machtübernahme Francos ändert sich alles: Ihre Familie droht zu zerbrechen, Mercedes und Javier verlieren sich im Bürgerkrieg. - Granada, 2001. Die 32-jährige Sonia erfährt bei einem Spanienaufenthalt von der berührenden Liebe. Fasziniert nimmt sie die Spuren der Vergangenheit auf, ohne zu wissen, wie sehr Mercedes? Schicksal mit ihrem eigenen verwoben ist ...
EAN:
9783453290693
Unsere Empfehlung für Sie: Das Leuchten des Sanddorns
Granada, 1937
Das leise Klicken einer zufallenden Tür drang durch die
Stille der dunklen Wohnung. Außer dem Vergehen, zu
spät zu kommen, hatte das Mädchen auch noch die Sünde begangen,
seine Heimkehr verheimlichen zu wollen.
»Mercedes! Wo um Himmels willen bist du gewesen?«, herrschte
sie eine Stimme im Flüsterton an.
Ein junger Mann trat aus dem Schatten in die Diele, und das
Mädchen, kaum älter als sechzehn, stand mit gesenktem Kopf, die
Hände hinter dem Rücken, vor ihm.
»Warum kommst du so spät? Warum tust du uns das an?«
Er zögerte, hin- und hergerissen zwischen vollkommener Verzweiflung und bedingungsloser
Liebe für das Mädchen.
»Und was versteckst du da? Als könnte ich mir das nicht
denken.«
Sie streckte die Hände aus. Zum Vorschein kam ein Paar
abgenutzter schwarzer Schuhe, deren Leder so weich wie Menschenhaut
und deren Sohlen so dünn wie Papier waren.
Er fasste das Mädchen behutsam an den Handgelenken und
hielt es fest. »Bitte, ich bitte dich zum allerletzten Mal«,
beschwor er sie.
»Es tut mir leid, Antonio«, erwiderte sie ruhig und sah ihn an.
»Ich kann es nicht lassen. Ich kann einfach nicht.«
»Es ist zu gefährlich, mi querida, es ist zu gefährlich.«
Teil 1
Granada, 2001
Die beiden Frauen, die als letzte Zuschauer eingelassen
wurden, nahmen ihre Plätze ein, und der missmutige
gitano schob entschlossen die Riegel vor die Tür.
Fünf Mädchen mit pechschwarzen Haaren, üppige
Rockschleppen hinter sich herziehend, betraten die Bühne.
Sie trugen eng anliegende Kleider in flammendem Rot und
Orange, stechendem Grün und Ockergelb. Die leuchtenden
Farben, der Cocktail aus schweren Düften, ihr plötzliches
Erscheinen und hochmütig aufreizender Gang hatten
etwas Überwältigendes. Hinter ihnen folgten drei Männer,
von oben bis unten in düsterem Schwarz wie zu einer
Beerdigung.
Dann änderte sich die Stimmung. Ein leises Klatschen
durchbrach die Stille, ein Mann strich mit den Fingern über
die Saiten seiner Gitarre. Ein anderer brach in einen tiefen
Klagelaut aus, der schließlich in Gesang überging. Die raue
Stimme passte zu dem schäbigen Ort und dem zerklüfteten
pockennarbigen Gesicht. Nur der Sänger und seine
Truppe verstanden das obskure Patois, aber die Zuschauer
spürten die Bedeutung des Liedtextes. Es ging um verlorene
Liebe.
Fünf Minuten vergingen auf diese Weise, während die etwa
fünfzig Zuschauer in einer von Granadas cuevas im Dunkeln
auf harten Bänken saßen und den Atem anhielten. Das
Lied hatte keinen eindeutigen Schluss-verklang einfach- und die Mädchen nahmen dies als
Stichwort, mit
überaus sinnlichem Gang, den Blick starr auf die Tür vor
ihnen gerichtet und ohne die Anwesenheit der fremden Zuschauer auch nur wahrzunehmen,
wieder abzutreten. Ein
Hauch von Bedrohung lag in dem dunklen Raum.
»War es das?«, fragte eine der Zuspätgekommenen flüsternd.
»Ich hoffe nicht«, antwortete ihre Freundin.
Ein paar Minuten lang herrschte fieberhafte Spannung, bis
ein wunderbarer, anhaltender Ton erklang. Keine Musik, sondern
eher ein leises Rasseln: der Klang von Kastagnetten.
Eine der jungen Frauen kehrte zurück. Mit den Füßen
den Takt stampfend, ging sie den schmalen Raum entlang,
und die Volants ihres Kostüms fegten über die staubigen
Schuhe der Touristen in der ersten Reihe. Ihr Kleid in leuchtendem
Orange mit großen schwarzen Tupfen lag so eng um
Taille und Busen an, dass die Nähte spannten. Sie trat auf
die Holzplatte, die als Bühne diente, und trommelte mit den
Absätzen einen eindringlichen Rhythmus- eins-zwei-einszwei-
eins-zwei-drei-eins-zwei-drei...
Dann hob sie die Hände, und der hohle, schnarrende Ton
der Kastagnetten setzte ein, während sie begann, sich langsam
zu drehen. Und während sie sich drehte, trommelten
ihre Finger auf die kleinen schwarzen Scheiben in ihren
Händen. Die Zuschauer waren wie gebannt.
Begleitet wurde sie vom klagenden Lied eines Sängers,
der den Blick zu Boden gesenkt hielt. Wie in Trance drehte
sich die Tänzerin weiter. Falls sie sich innerlich auf die Musik
einließ, gab sie es nicht preis, und falls sie das Publikum
wahrnahm, merkte es nichts davon. Ihr Gesicht drückte
höchste Konzentration aus, und ihre Augen blickten in eine
Welt, die nur sie sehen konnte. Der Stoff unter ihren Armen
verfärbte sich dunkel, und an ihren Brauen sammelten sich
Schweißperlen, während sie immer schneller und schneller
rotierte.
Der Tanz endete, wie er begonnen hatte, mit einem entschiedenen
Aufstampfen als Schlusspunkt. Ihre Hände waren nach oben gestreckt, der Blick auf das
niedrige Deckengewölbe
gerichtet. Den Applaus schien sie gar nicht wahrzunehmen,
für sie hätte das Publikum genauso gut nicht
anwesend sein können. Es war merklich warm geworden im
Raum, und die Zuschauer in den vorderen Reihen atmeten
die betörende Mischung aus moschusartigem Duft und
Schweiß ein, den die Tänzerin verströmte.
Noch während sie die Bühne verließ, trat eine andere
junge Frau auf. Diese zweite Tänzerin hatte etwas Ungeduldiges
an sich, als wolle sie die Sache schnell hinter sich
bringen. Wieder verschwammen schwarze Tupfen vor den
Augen der Zuschauer, diesmal auf glänzendem Rot, und
Kaskaden schwarzer Locken fielen der Frau übers Gesicht,
die außer den dick mit Kajalstift umrandeten Augen alles
verdeckten. Diesmal gab es keine Kastagnetten, sondern nur
endlos sich wiederholendes Klappern der Absätze: Klack-a
tacka tacka, klack-a tacka tacka...
Die Bewegung ihrer Füße, von der Ferse auf die Zehen
und wieder zurück, geschah in rasender Geschwindigkeit.
Ihre festen schwarzen Schuhe mit den hohen Absätzen und
eisenbesohlten Spitzen schienen auf der Bühne zu vibrieren.
Der Sänger verstummte eine Weile und sah zu Boden, als
könnte ihn ein Blick aus den Augen der dunklen Schönheit
zu Stein erstarren lassen. Es ließ sich nicht sagen, ob der Gitarrist
ihrem Stampfen folgte oder ob er ihr den Rhythmus
vorgab. Die Verständigung zwischen den beiden verlief für
andere unsichtbar. Provokant hob sie die schwere Schleppe
ihres Kleids und entblößte wohlgeformte Beine in schwarzen
Strümpfen, was die rasante Geschwindigkeit ihrer Fußarbeit
noch betonte. Der Tanz steigerte sich zu einem Crescendo,
als sich die Frau wie ein Derwisch um sich selbst drehte.
Eine Rose, die in ihrem Haar steckte, flog ins Publikum. Sie
beugte sich nicht hinunter, um die Blume aufzuheben, sondern
ging schon von der Bühne ab, bevor sie zu Boden fiel.
Es war eine höchst introvertierte Darbietung und zugleich
die freimütigste Demonstration von Selbstvertrauen, die die
beiden Zuschauerinnen je gesehen hatten.
Die erste Tänzerin und der Gitarrist folgten ihr mit ausdruckslosen
Gesichtern nach draußen, immer noch unbeeindruckt
von dem stürmischen Applaus.
Bevor die Vorstellung endete, trat noch ein weiteres halbes
Dutzend Tänzer auf, von denen jeder die gleichen
verstörenden Gefühle von Leidenschaft, Zorn und Trauer
vermittelte. Es gab einen Mann, dessen Bewegungen so provozierend
waren wie die einer Prostituierten, ein Mädchen,
dessen Darstellung von Schmerz nicht zu seinem Alter zu
passen schien, und eine ältere Frau, in deren tief zerfurchtem
Gesicht sich viele Jahrzehnte des Leids eingegraben hatten.
Nachdem alle Tänzer von der Bühne abgetreten waren,
gingen die Lichter wieder an. Die Zuschauer verließen den
Raum und erhaschten einen Blick in ein kleines Hinterzimmer,
wo die Künstler stritten, rauchten und aus üppig eingeschenkten
Gläsern billigen Whisky tranken. Sie hatten fünfundvierzig
Minuten bis zur nächsten Vorstellung.
Es war stickig gewesen in dem niedrigen Raum, der nach
Alkohol, Schweiß und abgestandenem Zigarrenrauch stank.
Erleichtert traten die Leute in die kühle Nachtluft hinaus.
Sie war von einer köstlichen Reinheit, die einen daran erinnerte,
dass die Berge nicht weit waren.
»Das war außergewöhnlich«, sagte Sonia zu ihrer Freundin.
Sie wusste nicht recht, wie sie es anders hätte ausdrücken
sollen.
»Ja«, stimmte Maggie zu. »Und so dramatisch.«
»Genau«, pflichtete ihr Sonia bei. »Wirklich dramatisch.
Überhaupt nicht, wie ich es mir vorgestellt habe.«
»Und diese Mädchen sahen auch nicht besonders glücklich
aus, oder?«
Sonia machte sich nicht die Mühe, Maggies Frage zu be-
antworten. Flamenco hatte nichts mit Glück zu tun. So viel
hatte sie in den vergangenen zwei Stunden gelernt.
Sie gingen durch die kopfsteingepflasterten Straßen ins
Zentrum von Granada zurück und verirrten sich in dem alten
maurischen Viertel, dem Albaicín. Es war zwecklos, im
Stadtplan nachzusehen, denn die winzigen Gassen hatten oft
keine Namen und endeten zuweilen in schmalen Treppen.
Doch als die Frauen um eine Ecke bogen und ihr Blick
auf die in Flutlicht getauchte Alhambra fiel, fanden sie ihre
Orientierung wieder. Der warme goldene Schein um das
Gebäude vermittelte ihnen fast den Eindruck, als sei gerade
Sonnenuntergang und nicht schon später Abend. Die vielen
mit Zinnen versehenen Türme, die sich gegen den klaren
Nachthimmel abzeichneten, erinnerten an Tausendundeine
Nacht.
Arm in Arm gingen sie schweigend den Hügel hinab. Die
hochgewachsene Maggie verkürzte ihre Schritte, um sich
Sonia anzupassen-eine Angewohnheit, die schon fast ein
ganzes Leben lang zwischen den beiden äußerlich so verschiedenen
Freundinnen bestand. Sie mussten nicht reden.
Der Klang ihrer Schritte auf dem Pflaster erinnerte an den
Rhythmus des Klatschens und der Kastagnetten der Flamencotänzerinnen,
und das war ihnen im Moment angenehmer
als eine Unterhaltung.
Stellen Sie zu diesem Clubprodukt
die erste Mitglieder-Rezension ein und gewinnen Sie mit etwas Glück ein Produktpaket im Wert von CHF 100.-!
Schreiben Sie selbst eine Rezension
Ihre Rezension wurde erfolgreich übermittelt Wir freuen uns, dass Sie uns Ihre Meinung zu diesem Produkt geschrieben haben. Ihre Rezension werden wir nach Prüfung schnellstmöglich einstellen.
Hat Ihnen das Schreiben Spass gemacht? Dann schreiben Sie doch ganz einfach weitere Rezensionen.
Alle gesandten Rezensionen werden das Allgemeineigentum von www.nsb.ch.
Ihre Rezensionen werden in der Regel innerhalb von zwei Tagen auf die Detailansicht des Produktes abgelegt.
Wir bitten um Ihr Verständnis, dass Rezensionen, die unsere zehn Rezensionsregeln nicht entsprechen, nicht angezeigt werden.
www.nsb.ch behält sich vor, Ihre Rezensionen im Bedarfsfall zu verkürzen oder zu ändern.
Eine Veröffentlichung Ihrer Rezension unter Ihrem Namen wird nicht garantiert.
Es kann auch sein, dass www.nsb.ch Ihre Rezension ohne Name veröffentlicht.
Sie gewähren www.nsb.ch eine zeitlich und örtlich unbeschränkte und ausschliessliche Lizenz zur weiteren Verwendung durch das Veröffentlichen Ihrer Rezension.
Ihre Videorezension wurde erfolgreich übermittelt
Wir freuen uns, dass Sie uns Ihre Meinung zu diesem Produkt mitgeteilt haben.
Ihre Rezension werden wir nach Prüfung schnellstmöglich einstellen.
Hat Ihnen die Produktbewertung Spaß gemacht? Dann senden Sie doch ganz einfach weitere Rezensionenen ein.
Sie können fast alle der gängigen Videoformate hochladen, zum Beispiel: WMV, AVI, MPEG, 3GP, ASF, FLV
und Quicktime MOV.
Ihre Datei darf nicht größer als 100MB sein.
Wir empfehlen eine Länge von ca. fünf Minuten so wie folgende Einstellungen:
MPEG4 mit DivX/Xvid-Kodierung
320x240 Pixel
MP3 Audio (mono)
25 Frames pro Sekunde
Möglichst hohe Bitrate (> 500kBit/s).
Bitte haben Sie Geduld beim Upload. Je nach Verbindungsgeschwindigkeit und Größe ihres
Videos kann dieser Vorgang einige Minuten dauern.
Rezensionsbedingungen
Alle gesandten Rezensionen werden das Allgemeineigentum von www.nsb.ch.
Ihre Rezensionen werden in der Regel innerhalb von zwei bis fünf Tagen auf die Detailansicht des Produktes abgelegt.
Wir bitten um Ihr Verständnis, dass Rezensionen, die unsere zehn Rezensionsregeln nicht entsprechen, nicht angezeigt werden.
www.nsb.ch behält sich vor, Ihre Rezensionen im Bedarfsfall zu verkürzen oder zu ändern.
Eine Veröffentlichung Ihrer Rezension unter Ihrem Namen wird nicht garantiert.
Es kann auch sein, dass www.nsb.ch Ihre Rezension ohne Name veröffentlicht.
Sie gewähren www.nsb.ch eine zeitlich und örtlich unbeschränkte und ausschließliche Lizenz zur weiteren Verwendung durch das Veröffentlichen Ihrer Rezension.
Das Formular enthielt die folgenden Fehler:
Bitte haben Sie etwas Geduld:
Ihre Rezension wird jetzt bearbeitet...
Biographie:
Victoria Hislop lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Kent und schreibt unter anderem Reiseberichte für verschiedene Zeitungen und Frauenzeitschriften. Überdies unterstützt sie die Hilfsorganisation LEPRA. »Insel der Vergessenen« ist ihr erster Roman.
Bitte einen Moment Geduld: Der Artikel wird zum Warenkorb hinzugefügt.