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Der Himmel über den Linden: Theresa Révay
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Theresa Révay

Der Himmel über den Linden

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1 gebund. Buch
Bestellnummer: 1032283
Gebunden mit Schutzumschlag, Premiere, 496 Seiten, Mit farbigem Vorsatz und Leseband
Buchhandelspreis CHF 38.90
Club-Preis CHF 32.95
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Über dieses Buch:

Die Fortsetzung der unvergesslichen Liebesgeschichte von »Die weißen Lichter von Paris« vor der bewegenden Kulisse der Nachkriegszeit in Europa. 1944. Paris ist befreit und erwacht ganz allmählich zu neuem Glanz. Auch die russische Adlige Xenia ist von Zuversicht erfüllt. Mit knapp über 40 ist sie noch immer schön und gefragt in der Modewelt. Doch für Xenia zählt jetzt nur eins: Sie muss Max wiedersehen, den einzigen Mann, der je ihr Herz berührt hat. Wird sie ihn in den Ruinen von Berlin finden? Und wird sie mit ihm leben können, zusammen mit Natascha, der Tochter, die Max nicht kennt?
EAN: 206004103228

Unsere Empfehlung für Sie: Die weißen Lichter von Paris

"Der Himmel über den Linden" und "Die weißen Lichter von Paris" zusammen für CHF 65.90

Leseprobe:

Paris, Oktober 1944

Die Kunst der Lüge duldet kein Mittelmaß. Entweder man übertrifft sich darin, oder man geht unter.
An dem Tag, an dem Xenia Fjodorowna ihre Tochter zum ersten Mal anlog, sah sie ihr in die Augen, nahm ihre Hände und erklärte ihr mit fester, aber sanfter Stimme, ihr Vater sei an einem Herzinfarkt gestorben. Natascha erbleichte. Während das junge Mädchen in dem Salon, dessen Fenster auf den Jar-din du Luxembourg hinausgingen, an ihrer Schulter schluchzte, meinte Xenia das Blut ihres Mannes zu riechen, das über den Teppich und an die Wand gespritzt war und dessen Spuren sie noch erahnen konnte.
Das ist ungerecht, dachte sie, gerührt von den Schauern, die den grazilen Körper ihrer Tochter überliefen. Nach vier langen Jahren der Trennung hätte dieses Wiedersehen fröhlicher ausfallen sollen. Als die deutschen Truppen in Frankreich einmarschiert waren, hatte Xenia geglaubt, Natascha sei weit von Paris entfernt am sichersten, und sie ihrer Schwester anvertraut, die ins Hinterland von Nizza geflüchtet war. Doch dann hatte die Trennung länger als erwartet gedauert. Und jetzt musste sie dem Mädchen, statt mit ihr zu feiern, eine schreckliche Nachricht überbringen. Natascha hatte Gabriel geliebt, der ihr ein zärtlicher und treusorgender Vater gewesen war. Wie hätte sie ihr da die Wahrheit sagen können? Die Erinnerung an die Szene vor zwei Monaten stand Xenia klar vor Augen: die Stadt im Jubel, die Kirchenglocken, die im Sonnenschein überschwänglich läuteten, der Freudentaumel des befreiten Paris - und der Pistolenlauf, den ihr Gabriel Vaudoyer an die Schläfe drückte, weil er sie zwingen wollte, ihm ihre Liebe zu einem anderen Mann einzugestehen.
»Er hat doch nicht gelitten, oder, Mamutschka?«, fragte Natascha mit ausdrucksloser Stimme.
»Nein«, flüsterte Xenia.
Gabriels Gesicht war vor Zorn und Eifersucht verzerrt gewesen, und sein verstörter Blick verriet, dass er jede Orientierung verloren hatte. Dieser kultivierte, intelligente Rechtsanwalt, der sich so sehr an das klammerte, was er für Gewissheiten hielt, hatte ihr nicht verziehen, dass sie der einzigen Liebe ihres Lebens die Treue bewahrt hatte. Xenia konnte es ihm nicht einmal verübeln. Doch weder emotionale Erpressung noch Drohungen hatten die Russin brechen können, die sich zuerst den bolschewistischen Revolutionären und dann den Mühen des Exils und des Krieges gestellt hatte, und Gabriel vermochte sie nicht zum Einlenken zu bewegen. Als er den Abzug drückte, stand die Chance, dass er sie töten würde, eins zu zwei. Xenia war überzeugt davon, dass er in diesem Fall anschließend die Waffe nachgeladen und sich umgebracht hätte. Dann wäre Natascha als Waise zurückgeblieben.
Das junge Mädchen rückte schroff von ihr ab und rieb sich mit den Handflächen die Augen, um die Tränen zu vertreiben. Das Haar klebte ihr auf der feuchten Stirn. Es schien ihr peinlich zu sein, die Fassung verloren zu haben. Wie sehr sie sich verändert hatte! Aus dem ungestümen Kind mit den blonden Zöpfen und den runden Wangen war ein schlankes junges Mädchen von siebzehn Jahren geworden, das sich ungelenk wie ein Fohlen bewegte, als wären ihr die Umrisse des Körpers, in dem sie wohnte, noch geheimnisvoll. Die Entbehrungen und Ängste des Krieges waren an niemandem spurlos vorbeigegangen. Nataschas Blick war dunkel und undurchdringlich, und Xenia hatte den Eindruck, einer Fremden gegenüberzustehen. In einer Mischung aus Neugier und Sorge betrachtete sie ihre Tochter. Andere Stimmen, andere Hände hatten Natascha durch die Klippen dieser verlorenen Jahre hindurchgeleitet; eine Zeit, die ihnen niemand zurückgeben würde. War Abwesenheit nicht auch eine Art von Verrat?
Im hinteren Teil der Wohnung ging eine Tür, und Xenia schreckte hoch. Sie war es nicht mehr gewöhnt, mit anderen Menschen zusammenzuleben. Doch jetzt wohnten sie hier zu viert, und es war, als erwachten die Räume wieder zum Leben. Sie hatte sich über die Rückkehr von Natascha, Felix und Lilli gefreut. Am Bahnhof hatte sie die Seligsohn-Kinder mit einem eigentümlichen Gefühl umarmt. Ihre Freundin Sarah hatte sie ihr im Jahr 1938 anvertraut. Damals hatte sie noch gehofft, vor der antisemitischen Verfolgung der Nazis fliehen und später mit ihrem Mann und ihrer jüngsten Tochter zu ihnen stoßen zu können. Doch Sarah und Victor war es nicht mehr gelungen, Deutschland zu verlassen. Der Schleuser, der sie an einen sicheren Ort führen sollte, war verraten und das Widerstandsnetz zerschlagen worden. Xenia wusste nicht, was aus den beiden geworden war, befürchtete aber das Schlimmste. Ihr einziger Trost war die Freude darüber, Felix und Lilli gerettet zu haben.
Ihre Tochter und die beiden Seligsohn-Kinder hatten darauf bestanden, nach Paris zurückzukehren. Sie hatten ein Frankreich durchquert, das von den Bombardierungen verwüstet war. Xenia hatte naiv damit gerechnet, sie so wiederzufinden wie zu Beginn des Krieges: die schelmische, überschwängliche und manchmal ein wenig herrische Natascha; Felix mit seinem glühenden Blick unter seiner dunklen Haarmähne und die schüchterne, stille Lilli, die durch die schmerzliche Trennung von ihren Eltern gezeichnet war. Dabei hatte Xenia die drei während der letzten Jahre mehrmals besucht, unter anderem, um den Seligsohns falsche Papiere zu bringen; aber diese angsterfüllten Tage verschwammen in ihrer Erinnerung. Versuchte sie etwa, den Faden dort wieder aufzunehmen, wo er zerrissen war, die Tragödien nicht wahrhaben zu wollen und das Böse einfach wegzuwischen?
Während der herbstliche Regen auf das Laub rieselte und das milchige Tageslicht die Konturen der wertvollen Holzmöbel verschwimmen ließ, sah Xenia zu, wie der Kummer Nataschas schönes Gesicht aushöhlte. Sie hasste es, sich so machtlos zu fühlen, und ärgerte sich, weil sie nicht die richtigen Worte fand, um sie in ihrer Verzweiflung zu trösten. Doch sie war zu beschämt. Gabriels gewaltsamer Tod hatte sie schockiert, aber auch erleichtert. Ihre komplexe Beziehung hatte sie dazu gebracht, sich in Schweigen zu flüchten, weil sie fürchtete, zu viel zu sagen. Dabei hätte sie sich so sehr gewünscht, Natascha zu beschützen, ihr die Verletzungen der Gegenwart wie die der Zukunft zu ersparen. Doch anscheinend war seit einer gewissen Nacht im Februar 1917, als die Bolschewisten General Graf Fjodor Sergejewitsch Ossolin in ihrem Palast in Petrograd ermordet hatten und Xenia mit nackten Füßen vor der Leiche ihres Vaters gestanden hatte, jede Leichtigkeit aus ihr und ihrer Familie gewichen.
»Entschuldige, Mama«, sagte Natascha und wandte sich ab. »Sei mir nicht böse. Wir sehen uns gleich, ja?«
Sie flüchtete in ihr Zimmer und ließ Xenia, allein mit ihren Gedanken, im Salon zurück.

Aus dem Französischen von Barbara Röhl

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Biographie:

Theresa Révay, 1965 in Paris geboren und aufgewachsen, studierte französische Literatur an der Sorbonne. Sie veröffentlichte ihren ersten Roman mit Anfang zwanzig. Danach arbeitete sie viele Jahre als Übersetzerin und Gutachterin für verschiedene französische Verlage. »Die weißen Lichter von Paris« ist ihr dritter Roman, der in deutscher Übersetzung erscheint.

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